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In de Duitse krant „Die Zeit“ van 15 juli 2004 het scheppingsverhaal van Noordwijk: “wenn Gott heute etwas ratlos auf Noordwijk schaut“:

Stile hat man nie zu viele

Das holländische Noordwijk aan Zee macht ernst mit dem Versuch, für jeden Geschmack etwas zu bieten

Von Ursula März

Es war Sonntagabend. Gott hatte den Tag über geruht und sich noch einmal die Arbeit der vergangenen Woche vor Augen geführt. Er war mit dem Ergebnis zufrieden. Die Verteilung von Wasser und Land, von Freiflächen und Besiedelung ergab ein sinnvolles Gesamtbild, nicht weniger – aber auf bestimmte Weise auch nicht mehr. Es war kein Clou dabei, keine aufreizende Asymmetrie, kein verwegener Kontrast. Man müsste, überlegte Gott, ein Grandhotel direkt ans Meer stellen. Am besten auf eine Düne der triebhaften Nordsee. Hier die Wildheit von Ebbe und Flut. Dort die hohe Gepflegtheit von Tafelsilber, Etagenkellnern und Hautevolee. So kam es zur Erfindung der Seebäder.

Als perfekter Ort bot sich das holländische Fischerdorf Noordwijk an. Günstig gelegen an der Westküste Hollands, auf halber Strecke zwischen Amsterdam und Den Haag. Und schöner als in Noordwijk können auch heute eine Dünenlandschaft und ein Strand kaum sein; weiß, fußballfeldbreit, nach Norden und nach Süden so lang, wie das Auge reicht. ZEIT-Grafik

Hier breiten die Ruhrgebietler ihre Badetücher aus

Auch der Zeitpunkt war günstig: Ende des 19. Jahrhunderts. Der Adel sorgte für den ideellen Überbau und das touristische Starpersonal, das Bürgertum fürs Kapital. Im Jahr 1882 entstand am Strand das Hotel Huis ter Duin, finanziert von einem deutschen Industriellen. Man darf vermuten, dass er aus dem Ruhrgebiet stammte. Noordwijk ist bis heute für die Urlauber aus Dortmund, Bochum, Essen, was Usedom für die Berliner ist: der nächste Badeort am Meer, der leicht zu erreichen ist und keine kulturelle Umstellung verlangt. Nur, dass es in Dortmund, Bochum, Essen kein Grandhotel am Meer gibt.

Von Beginn an hielten sich im Seebad Noordwijk das Mondäne und das Gesunde die Waage. Bereits um die Jahrhundertwende wurden am Strand Gymnastikgeräte aufgebaut, im Untergeschoss des Hotels Huis ter Duin befanden sich die Räume eines orthopädischen Instituts aus Leiden. In den zwanziger Jahren war Noordwijk längst eine Urlaubsadresse für illustres und vermögendes Publikum. Isadora Duncan gefiel es in Noordwijk so gut, dass sie ein paar Jahre blieb und ein Kind bekam. Die belgische Königin Astrid verbrachte hier ihre Urlaube, Maria Montessori war Stammgast.

Der berühmteste deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, dessen berühmteste Novelle an einem anderen Seebad, dem Lido von Venedig, spielt, begann in Noordwijk im Sommer 1955 zu sterben. Er wurde im Ambulanzwagen nach Zürich gebracht und lebte nur noch Tage. Dass er sein Ende einem Seebad anvertraute, und zwar nicht irgendeinem, sondern einem Ort, in dem sich die Liebes- und Kontrastgeschichte zwischen Natur und Zivilisation mit so opernhafter Deutlichkeit darstellte wie in Noordwijk – man kann darin eine gewisse Logik sehen.

Und dann? Das fragt sich Gott manchmal, wenn er heute etwas ratlos auf Noordwijk schaut. In höflichen Gesprächen mit dem holländischen Fremdenverkehrsbüro lässt er das Wort »Pluralismus der Stile« fallen. In schlecht gelaunten Selbstgesprächen indes spricht er vom Tulpen-Las-Vegas für Bottroper Spießer. Denn das Seltsame ist, dass hier nicht nur jeder in allen Preisklassen, sondern auch auf alle Arten Urlaub machen kann. Denn in Noordwijk sind – und zwar in schier surrealer Dichte – sämtliche Topoi gegenwärtiger abendländischer Kultur vertreten sind: von der Hochzeitssuite im Palace Hotel mit Whirlpool neben dem Bett bis zum Wohnsilo, das es mit jeder Wellblechruine in der Peripherie von Rio de Janeiro aufnehmen kann. Hier eine Villa im englischen Landhausstil, direkt in ihrem Rücken ein Stück billige Fußgängerzone, an dessen Ende ein Supermarktparkplatz, gleich gegenüber eine Villa mit Reetdach, deren Vorgarten wiederum in eine Verkehrsinsel mit Blumenrabatten überzugehen scheint. Fünfzig Meter weiter eine Schnellpizzeria mit grinsender indischer Fruchtbarkeitsgöttin über dem Tresen, daneben eine putzige Eisdiele aus den Sechzigern. Überall dazwischen: zweistöckige metallgraue Betonriegel, die Ferienwohnungen mit Balkon enthalten.

Wie von Godzilla wird das ganze Noordwijker Baugewirr überragt von den Grandhotels, wobei das Huis ter Duin längst nicht mehr die Silhouette eines rechteckigen Gebäudes, sondern die einer Gebirgslinie hat. Das heutige Hotel ist nur noch das Mittelstück eines Komplexes von Appartements, der in der Mitte zum Gipfelpunkt aufragt und zu den Seiten abflacht. Im Seebad Noordwijk, wo der Besucher innerhalb von dreißig Metern einen Bikini beim fliegenden Händler und eine Tasse Kaffee in der Lobby des Hotels Oranje zum gleichen Preis erwerben kann, zeigt sich das pragmatische Holland von einer schwindelerregenden Seite. Erlesenster Stil (zart gestreifte Tapeten im Badezimmer des Palace-Hotels) und durchgeknallter Geschmack (Heineken-Kneipe mit Fischernetz und Westernbalustrade) sitzen an einem Tisch.